"Die Impfstrategie kommt allen zu Gute"

Fragen zu Corona im Interview mit einem Mediziner erörtert

Nachdem ihre mehrteilige Interviewserie auf Instagram erfolgreich gelaufen ist, hat uns Stephanie Jabusch-Pergens das komplette Interview mit Dr. Hanno Kehren zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Hanno Kehren ist Labormediziner und als Ausschussvorsitzender des Kreistags mit Gesundheitsfragen befasst. Im persönlichen Gespräch hat er alle Fragen beantwortet, die Stephanie Jabusch-Pergens ihm gestellt hat.
Dr. Kehren im Interview mit Stephanie Jabusch-PergensDr. Kehren im Interview mit Stephanie Jabusch-Pergens
Lieber Hanno, was machst du beruflich?

Ich habe ein Vordiplom in Chemie und bin Arzt für Labormedizin. Wir führen mit unseren Mitarbeitern neben vielen anderen Analysen die Corona-PCR- und Antikörpertests durch. Vier Semester habe ich mich daneben mit Medizinischer Ethik beschäftigt.

Und politisch bist auch noch aktiv!? Du engagierst dich mit vollem Einsatz für die CDU und den Kreistag?

Ja, genau. Ich bin Mitglied der CDU und im Kreistag der Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit, Soziales und Generationenfragen.

Cool! Schön, dass du für meine Fragen zur Verfügung stehst! Hanno, in England sollen zwei Patienten allergisch auf den Impfstoff reagiert haben. Wogegen waren diese Patienten allergisch?

Polyethylenglykol (PEG) scheint zurzeit der Hauptverdächtige zu sein. Wegen der wenigen Zusatz- und Hilfsstoffe sollte der Impfstoff aber ein geringeres allergenes Potenzial haben als herkömmliche Impfstoffe. Die Betroffenen sind schwere Allergiker.

Ok. Gibt es denn weitere Nebenwirkungen, die zu beachten sind?

Wie wir sie auch bei anderen Impfungen kennen: Schmerzen, Schwellungen, Rötungen an der Injektionsstelle, Gelenk-, Kopf- und Muskelschmerzen, Fieber, Schüttelfrost und Müdigkeit. Beginn innerhalb von drei Tagen nach der Impfung, leicht bis mäßig für ein bis zwei Tage.

Es gibt keine Langzeitstudie. Denkst du, dass Langzeitschäden auftreten?

Ob und ggf. welche Langzeitschäden oder besser Spätfolgen es geben wird, kann ja erst durch die breite und lange Anwendung gesehen werden. Ist bei anderen Impfstoffen/Medikamenten nicht anders. Es wird ein Monitoring sowohl für die Kurzzeit- als auch für die Langzeiteffekte geben.

Also ist das bei den bisherigen Impfungen auch nicht anders gelaufen?


Genau!

Hältst du den Impfstoff demnach für sicher?

Ja. Der mRNA-Ansatz ist trotz der kurzen Entwicklungszeit meines Erachtens deutlich risikoärmer als konventionelle Impfstoffe. Zudem ist er schnell an Veränderungen des Virus anzupassen. Eine unglaubliche Leistung und ein wirklicher Fortschritt.

Danke, Hanno! Ein AfD-Abgeordneter bezeichnete im Bundestag den Biontech-Impfstoff als "genmanipuliert". Was ist tatsächlich im Impfstoff enthalten?

Der Impfstoff enthält aus der Erbinformation des Virus nur den Bauplan für das Spike-Protein als mRNA. Daneben sind noch Hilfsstoffe, insbesondere Lipide/PEG, Cholesterol und Salze zum Schutz, Einbettung und Stabilisierung der mRNA enthalten.

Ändert dieser Impfstoff also nicht meine Gene oder die eigene DNA?

Die mRNA wird in der Zelle ausgepackt, in den Fabriken der Zelle (Ribosomen) in ein Eiweißmolekül übersetzt und dann abgebaut. Sie kann nicht in den Zellkern, wo sich die DNA befindet. Eine Genmanipulation des menschlichen Genoms (das sitzt im Zellkern, da kommt die mRNA nicht hin) findet nicht statt. Das könnten nur Retroviren. Es braucht dazu eine reverse Transskriptase, die dieses Virus nicht hat und der Mensch auch nicht. Als nein: Die Gene oder die Zell-DNA werden nicht verändert!

Es wird immer von mRNA geredet. Was genau ist das?

Der Messenger-RNA ist quasi eine Abschrift von unserer Erbinformation (DNA) und bringt die aus dem Zellkern (die DNA kann da nicht raus) zu den Ribosomen (kleine Eiweißfabriken) im Zellplasma. Da werden die Informationen in Proteine übersetzt. Die mRNA wird anschließend abgebaut.

Was ist das Spike-Protein und wir wirkt es im Körper? Wird es im Blutkreislauf produziert?

Das Spike-Protein ist der Teil vom Virus, mit dem es an die menschlichen Zellen andockt, die einen entsprechenden Rezeptor haben. Es werden also nur ausgewählten Zellen infiziert. Wenn du dir die Virusbilder ansiehst, sind die Spikes die kleinen Stacheln auf der Virushülle. Wie früher Spikes bei den Winterreifen. Unter anderem gegen diese Spikes bildet der Körper dann Antikörper. Das Virus braucht die Spikes, um sich an die Zellen mit dem passenden Rezeptor anzulagern und schließlich in die Zellen hineinzukommen. Das Spike-Protein wird nicht im Blut produziert. Wenn das intakte Virus in die Zelle kommt, werden mit dessen RNA komplett neue Viren produziert und dann ins Blut/Gewebe abgegeben. Die können dann weitere geeignete Zellen infizieren usw. Solange bis der Körper genügend Antikörper produziert hat.

Ich glaube, ich hab's verstanden! Und wie genau funktioniert dann die Impfung?

Bei der Impfung mit mRNA wird nur die Information für das Spike-Protein in die Zellen eingeschleust. Also kann in den Zellen auch nur das Spike-Protein produziert werden und eben nicht komplette neue Viren. Die Spike-Proteine gelangen auch ins Blut/Gewebe, sind aber keine infektiösen Viren mehr, sondern nur der Teil, gegen den Antikörper gebildet werden können. Was der Körper dann auch macht. Kommt er danach in Kontakt mit dem gesamten Virus, sind die Antikörper schon da und die Infektion findet idealerweise gar nicht statt oder verläuft zumindest milder.

Also kann sich das Virus verändern, aber mich nicht?

Genau! Die mRNA des Corona-Virus kann nicht in deine DNA eingebaut werden, deine DNA also weder in der einzelnen Zelle noch in der Keimbahn verändern. Das ist ganz wichtig. Wenn sich das Virus verändert, braucht man im Impfstoff also nur die mRNA entsprechend anzupassen, wenn überhaupt. Es gibt allerdings Viren, die können zumindest Genom auf Zellebene verändern: Retroviren, zum Beispiel das HI-Virus. Die produzieren unter anderem eine reverse Transskriptase, die Virus-RNA in DNA umschreibt (geht normalerweise nicht), die dann in den Zellkern transportiert und in das Genom eingebaut wird.

Sollen Covid-19-Genese sich impfen lassen?


Die Genesenen gelten eine Zeit lang als immun, circa drei Monate. Wie lange genau, ist bislang unklar. Soweit die Betreffenden im Rahmen der geltenden Priorisierung überhaupt schon geimpft werden können, sollten sie sich nach dieser Zeit impfen lassen.

Sollten wir uns vor der Impfung auf Antikörper testen lassen? Und danach über die Impfung entscheiden?

Ein vorheriger Antikörpertest freut zwar den Laborarzt, wird aber derzeit nicht empfohlen.

Ok. Was ist mit der Mutation des Virus?

Zurzeit geht man davon aus, dass die Impfung auch bei den Mutationen wirkt. Die Hersteller sind gerade dabei, das auch zu verifizieren. Wenn nötig, können die mRNA-basierten Impfstoffe sehr schnell angepasst werden.

Wie lange hält die Immunität nach der Impfung an?

Das ist noch unsicher, wie auch bei der Infektion selbst und muss in der Langzeitbeobachtung untersucht werden. Auch inwieweit Veränderungen im Virus eventuell Neu-Impfungen notwendig machen wie z. B. beim Influenzavirus. Eventuelle Folge: öfter impfen.

Muss die Impfung nach drei Wochen wiederholt werden, um wirksam zu sein?

Erst nach der zweiten Impfdosis, drei Wochen nach der ersten, entfaltet die Impfung ihre volle Wirkung von circa 95 %. Bei nur einer Dosis wird die Wirksamkeit auf lediglich circa 50 % geschätzt.

Wie soll das Impfen zukünftig ablaufen?

Das wird sich in den nächsten Monaten erweisen müssen. Das hängt von der Dauer der Immunität und dem Mutationsverhalten des Virus ab. SARS-CoV-2 scheint stabiler zu sein als die Influenzaviren. Aber – wenn sehr viele Menschen infiziert sind, ist natürlich auch bei einer geringeren Mutationsgeschwindigkeit mit vielen Mutationen zu rechnen.

Woraus ziehst du deine Erkenntnis?


Zum einen waren diese Prozesse Gegenstand meines Studiums. Zum anderen gibt es auf vielen seriösen Seiten im Internet sehr verständliche Informationen zur Funktionsweise des Impfstoffs, z. B. RKI, Pharmazeutische Zeitung u. a.

Was hältst du von der Impfstrategie der Bundesregierung?

Genau richtig. Zunächst müssen diejenigen geschützt werden, die durch Covid-19 lebensbedroht sind. Durch deren Impfung schützen wir auch unser Gesundheitssystem und die dort Arbeitenden vor Überlastung. Die Impfstrategie kommt allen zu Gute.

Die Bundeskanzlerin hat eine Impfpflicht abgelehnt. Denkst du, es bleibt dabei? Oder könnte es doch eine verkappte Impfpflicht geben?


Ich glaube nicht an eine staatlich verordnete Impfpflicht. Inwieweit andere Einrichtungen versuchen werden, über die Hintertür etwas einzuführen, wird man sehen. Der Gesundheitsminister hat bereits Privilegien für Geimpfte abgelehnt.

Würdest du eine Impfung empfehlen?


Ja!

Warum empfiehlst du sie?

Wir kommen mit einer Impfquote von 60 bis 70 % zu einer Herdenimmunität und damit wieder zu "normalen" Verhältnissen: gesellschaftlich, im sozialen Miteinander und nicht zuletzt in der Wirtschaft, Kultur, Gastronomie, bei Reisen und und und. Sollte das Virus jedoch – wie bei der Mutation – ansteckender sein, dann benötigen wir eine höhere Impfquote, um die Herdenimmunität zu erreichen.

Lässt du dich selbst impfen?


Klar! Lieber heute als morgen. Aber ich bin noch nicht dran.

Was sagt deine Familie dazu?


Die hört auf mich!

Lieber Hanno, vielen Dank für deine Antworten!

Das Interview führte Stephanie Jabusch-Pergens.